Foto: Archivio CRF

Centre Art: Geburt eines Unternehmens

Anna Penninger, Österreicherin, hat einen lebendigen Blick, der umarmt und sofort ein Verständnis schafft. 32 Jahre hat sie in der Mariapoli Foco gelebt und leidenschaftlich an dessen Nachhaltigkeit gearbeitet. Wir veröffentlichen Auszüge aus dem Interview, das sie uns gegeben hat. 

Was war Deine Aufgabe in Zürich, bevor Du nach Montet kamst?

Ich arbeitete als Kindergärtnerin in der psychiatrischen Klinik für Kinder in Zürich. Es war ein interessanter Beruf, den ich zehn Jahre lang ausgeübt habe, aber mir wurde klar, dass ich ihn aufgeben musste.

Erinnerst Du dich noch daran, als Du zum ersten Mal vom Projekt Mariapoli Foco hörtest?

Ja, das war 1980 in Loppiano[i]. Als ich nach Zürich zurückkam, haben wir viel gearbeitet, um das Geld für den Kauf aufzubringen. Später machten wir eine Busfahrt nach Montet und Palmira Frizzera[ii] stellte uns dieses Haus vor. Es war ein richtiges Internat, nicht sehr schön, um die Wahrheit zu sagen, alle Zimmer waren gleich: es war ein Institut, ein verlassenes College. Aber sie stellte es uns als etwas ganz Schönes vor: “Ihr müsst euch die ganze Welt hier vorstellen!" Um ehrlich zu sein, fiel es mir schwer, mir das vorzustellen... Aber ich habe meine Meinung geändert, weil sie so hart daran gearbeitet haben, dieses Haus in kurzer Zeit in eine Begegnungsstätte zu verwandeln, zu der die Leute voll Freude kamen und sich sehr wohl fühlten.

Wie bist Du hierher gekommen? 

Nachdem ich drei Jahre lang im Fokolar[iii] in Zürich gelebt hatte, kam ich mit dem Auto hierher und fand mich in einem grossen Fokolar mit fünfzehn Fokolarinnen der Schule wieder!  Damals gab es noch Etagebetten. In jenen Jahren waren die Leute daran gewöhnt, aus jeder Ecke das Beste zu machen, und ich muss sagen, dass mich das, da ich aus der Stadt stamme, etwas gekostet hat: Die Struktur war, was sie war, selbst mit all den Verbesserungen, die vorgenommen wurden, um sie wohnlicher zu machen. Das war die Aussenseite, aber wenn man dort lebte, entdeckte man, wie sehr die Liebe, die zwischen allen zirkulierte, den Rest überdeckte. Zudem habe ich als Naturliebhaberin das Leben auf dem Lande sehr genossen.

Was war Deine Aufgabe nach Deiner Ankunft in Montet?

Ich kam für das zweite Ausbildungsjahr in der Schule der Fokolarinnen und sollte eigentlich nur sechs Monate bleiben. Aber schon bald fragte mich Palmira, ob ich bereit wäre, hier zu bleiben, um die Siedlung aufzubauen. Im Grunde genommen, gefiel mir das.

Was war Dein erster Job?

Ich habe in der Buchbinderei gearbeitet und gelernt, wie man das macht. Es war interessant. Wir haben alte Bücher restauriert. Dann wurde das Geschäft eingestellt, weil es zu schwierig und zu anspruchsvoll war, und es war nicht einfach, dort zu arbeiten - angesichts des jährlichen Wechsels der Arbeiter - ohne sich zu spezialisieren.

Erzähl uns vom Centre Art?

Als ich im Centre Art ankam, fand ich ein kleines Nähgeschäft vor, das an den lokalen Geschmack angepasst werden musste. Ich musste mich um die Produktion kümmern und auch nähen, was eigentlich nicht mein Gebiet war. Später wurde uns klar, dass der Verkauf wichtiger ist als die Produktion, denn wenn man nicht verkauft, kann man auch nicht produzieren. Ich habe sofort erkannt, dass es sehr wichtig ist, auf die Bedürfnisse zu hören und zu verstehen, was wir für den Kunden tun können. So bauten wir die Werkstatt, die viele Jahre lang vielen jungen Menschen Arbeit gab.

Wie kam es zur Idee, so ein Unternehmen wie das Centre Art zu eröffnen? 

Die Idee kam ganz am Anfang. Chiara Lubich[i] selbst hat uns einige Nähmaschinen gespendet. In dieser ersten Zeit haben wir Schürzen hergestellt, aber es war schwierig, sie zu verkaufen. Dann haben wir erkannt, dass etwas für Kleinkinder produziert werden könnte.

Aus diesen ersten zaghaften Schritten entstand ein echtes, in der Schweiz bekanntes Unternehmen. Wir wurden geschätzt und Kunden aus der ganzen Schweiz besuchten uns. Später konnten wir hier in Montet eine permanente Ausstellung einrichten.  Ich war mir bewusst, dass meine Ausbildung nicht in diesem Bereich lag. Aber ich hatte immer Leute, die mich berieten und mir nützliche Informationen gaben. Vor allem die Unternehmen, die sich in der Siedlung befanden, haben sich gegenseitig geholfen und unterstützt. Wir haben gemeinsam Messen besucht und sind viele Schritte gemeinsam gegangen, wobei wir auf die Bedürfnisse des anderen geachtet haben. 

Ich denke, das Leben lehrt, aber man muss auch auf die Experten hören und sich von ihnen helfen lassen. Alleine hätte ich das nicht geschafft. Dann entdeckte ich auch, dass ich wahrscheinlich einige Talente hatte, von denen ich nicht einmal wusste, vor allem im Verkauf.

Anna zeichnet die Etappen nach, die sie im Centre Art erlebt hat, als würde sie diese noch einmal durchleben: von Palmira Frizzeras Unterstützung und Teilnahme an den Freuden und Sorgen bis hin zu der ständigen Erfahrung, dass die Vorsehung die heikelsten Situationen überwindet. Sie erwähnt eine von ihnen.

Im Geschäftsleben gibt es immer Höhen und Tiefen. Wir sollten eine grosse Zahlung aus dem Ausland erhalten, aber sie kam nicht an. Wir waren ein kleines Unternehmen, und das war logischerweise ein Problem. Ich konfrontierte die Manager dieses Unternehmens damit und erklärte ihnen mit Nachdruck, dass, um die Beziehung fortzusetzen, die bereits geleistete Arbeit beglichen werden musste. Und ich erläuterte die Gründe dafür. Sie haben ernsthaft reagiert und die Schulden sofort beglichen.

Sie betonte weiterhin, wie wichtig das Zeugnis einer neuen Arbeitsweise ist, die sich aus dem Charisma von Chiara Lubich ergibt. Zum Beispiel in der Beziehung zu den Kunden.

Einmal musste ich mich wirklich selbst überwinden, um hinauszugehen und nach Aufträgen zu suchen. Jemand sagte zu mir: "Das Wichtigste ist, dass du den Menschen mit Liebe begegnest, und dann bekommst du auch den Rest". Das hat mir sehr geholfen und mich sehr ermutigt. Wenn man eine mögliche Kundin trifft, versucht man zuerst zu verstehen, wie es ihr geht, was sie braucht, man weiss ihr Schaufenster zu schätzen... Ich habe erlebt, wie das Vertrauen wächst und sich die Beziehungen sogar bis zum Austausch des Privatlebens vertieften. Oft sandten sie uns andere potenzielle Kunden mit der Aufforderung, "zu kommen und zu sehen, wie sie arbeiten". Hier ein kleines Stück der geeinten Welt zu finden, war dann eine grosse und willkommene Überraschung.

Wie war es für Dich, als das Centre Art 2020 geschlossen wurde?

In den letzten Jahren hatten wir gemerkt, dass es immer schwieriger wurde und dass etwas anderes entstehen musste, das war klar. Als ich hörte, dass es geschlossen wird, war ich überhaupt nicht beunruhigt, denn die Aktivitäten, die sterben, waren nützlich. Sie haben viele Jahre lang Früchte getragen und machen nun Platz für etwas anderes, das weitergeht, wenn auch auf andere Weise.

Alles hat seine Zeit. Für jedes Geschehen unter dem Himmels gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären, und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen.”

So bekräftigte schon der Kohelet (3:1-2) vor Jahrhunderten, so geschieht es in der Geschichte, die heute noch geschrieben wird.

 


[i]  Internationale Siedlung der Fokolar-Bewegung bei Florenz (Italien)

[ii]  Damals Mitverantwortliche der Mariapoli Foco

[iii] Kleine Gemeinschaften von Leuten, die sich Gott geweiht haben (Fokolare)

[iv]  Gründerin der Fokolar-Bewegung