Foto: Archivio CRF

Der goldene Faden einer Geschichte

Wir schreiben das Jahr 1978. Leo Rüedi, Pfarrvikar in Zug, lernt Pater Karl Meier, einen Salvatorianer, kennen und es entsteht eine Freundschaft zwischen den beiden. Um ihre Beziehung zu vertiefen, ladet Leo ihn zu einer Veranstaltung der "offenen Tür" in das Zentrum der Bewegung in Baar ein, um auch ihn an seinen Erfahrungen mit den Fokolaren teilhaben zu lassen.

Kaum hatte er den Saal des Zentrums betreten, sagte Pater Meier zu Leo: "Ich komme nicht, weil ich mich für diese Spiritualität interessiere, sondern weil ich sehe, dass ihr Häuser braucht, und wir haben ein Haus in Freiburg, und ich möchte verstehen, ob ihr es kaufen wollt."  Leo meinte dazu: "Ich bin fast in Ohnmacht gefallen, weil wir nicht versuchen, Häuser zu bekommen, obwohl wir überall auf der Welt sind. Aber ein Fokolar neben mir gab mir ein Zeichen, dass er bereit war, zuzuhören. Ich habe die beiden den ganzen Vormittag lang nicht mehr gesehen."

Der Fokolar war August Oggenfuss: "Während des Mittagessens sprach Pater Meier die ganze Zeit über das Institut Marini in Montet, das nun geschlossen und der Caritas zur Aufnahme der “Bootsflüchtlinge" aus Vietnam anvertraut war." 

August unterbreitete den Vorschlag den Verantwortlichen der Fokolare in der Schweiz, Helmut Sievers und Clara Squarzon. Helmuts erste Reaktion war: "Es gibt bereits ein Zentrum in Baar und es besteht kein Bedarf für ein weiteres". Aber der Pater beharrte darauf und sandte erläuternde Unterlagen.

Im Mai 2021, während eines Interviews nicht lange vor seinem Tod, sagte Helmut: "Ich spürte das Bedürfnis eine Siedlung in der Schweiz zu haben, noch bevor es sie gab. Es war eine Zeit des Suchens und unter den jungen Menschen hatte sich eine Kultur der Rebellion gegen die Institutionen ausgebreitet. Im Jahr 1980 brach eine Jugendrevolte aus. Sie besetzten Häuser in der Nähe des Bahnhofs in Zürich und gründeten ein autonomes Jugendzentrum, in das sich die Polizei nicht hineintraute. Als Bewegung spürten wir, dass wir gegenwärtig sein müssen. Zum Beispiel ging eine Fokolarin jeden Morgen vor ihrer Arbeit dorthin um die Toiletten - voll von Spritzen aller Art - zu reinigen.

Helmut dachte insgeheim: "Es wäre doch schön, eine ständige Mariapoli wie Loppiano[1] in der Schweiz zu haben, in dieser Situation, wo Menschen Drogen nehmen, protestieren, nach neuen Wegen suchen... es wäre wunderbar, ein Zeugnis des evangelischen Lebens geben zu können".

Im Sommer 1980 hielt sich Chiara Lubich zur Erholung in der Schweiz auf. Von Zeit zu Zeit lud sie ein paar Leute ein, um sie über das Leben der Bewegung in der Welt zu informieren. Am Ende eines dieser Treffen wurde eine Schachtel "Alfajores" aus der Siedlung von O'Higgins, Argentinien, unter allen verteilt. Als Helmut sie sah, sagte er fast unwillkürlich: "Wenn wir wollten, könnten wir auch eine Mariapoli in der Schweiz haben!" Und er fügte bei: “Hätte ich das nur nie gesagt! Ich merkte sofort, dass es ein grosses Echo fand. Enzo (Fondi), einer der ersten Fokolare, rief allen Ernstes aus: "Was hast du gesagt? Weisst du nicht, dass Chiara nach so etwas sucht?

Am Tag darauf telefonierte Eli Folonari[2] Helmut: "Chiara hat gehört, dass es eine Möglichkeit gibt ein Institut zu bekommen, geh mit Clara hin und macht viele Fotos". Es war das Jahr, in dem die Pläne zur Erweiterung einiger Gebäude in Loppiano von der Gemeinde abgelehnt worden waren, und die Siedlung deshalb nicht genügend Platz für alle bot. Chiara wollte einen anderen Ort finden, um das zweite Jahr der Ausbildungsstätte für Fokolare und Fokolarinnen dorthin zu verlegen.

Unmittelbar danach, am 1. September 1980, begab sich Chiara Lubich persönlich nach Montet und schrieb dann: "Ich bin in Montet gewesen. Wir besuchten die Häuser, die Werkstätten, den grossen Gemüsegarten und sahen uns das Land an. Der Eindruck war bei allen sehr positiv. Es scheint uns, dass dort das Schweizerische Loppiano entstehen könnte. Wir brauchen die Hilfe aller. So können sich dann die Fokolare aus aller Welt für ihr zweites Schuljahr weiterbildenDies ist eine echte Fügung.

Es handelt sich um geräumige Gebäude, die auch in Männer- und Frauenbereiche unterteilt werden können. Und es gibt die Möglichkeit, internationale Kurse zu organisieren, wie z.B. im Sommer für Freiwillige, Gen, Priester, Gens, Ordensleute, Gen-Re. 

Es gibt verschiedene Grundstücke, die bebaut werden können. Ich denke da an die Familien, die dorthin gehen werden. Es gibt eine Kirche und sogar einen schönen, kleinen, privaten Friedhof. Alles ist vorhanden damit die Siedlung entstehen kann.

Und da sie in der Schweiz unter Christen verschiedener Konfessionen entsteht, möchten wir sie 'Mariapoli Foco' nennen und sie demjenigen anvertrauen, der sie vom Himmel aus beschützen kann, und der auf Erden die Ökumene für uns verkörpert hat".

Das Abenteuer beginnt.

(Fortsetzung folgt)

 

[1] Loppiano, in Italien, war die erste der 24 Siedlungen, die es heute auf der Welt gibt. www.loppiano.it

[2] Eli Folonari (1926-2018) lebte viele Jahre lang mit Chiara Lubich zusammen und war ihre persönliche Sekretärin.