Foto: Archivio CRF

Die Siedlung in Quarantäne

            Wir sind informierte und klar denkende Menschen, die auch wussten, was in der Welt vor sich geht.

            Die gegenseitige Liebe unter uns an der Mariapoli Foco liess nicht viel Raum für Panikattacken von aussen. Hier sprechen wir eher über Kulturen, Essen, Ratschläge für zu Hause: leichtere und gleichzeitig tiefere Themen. In unserem Leben konzentrieren wir uns auf den anderen, und die wichtigste Person ist immer diejenige, mit der wir sprechen.

            Auch aus diesem Grund mag es geschehen sein, dass die meisten von uns erschrocken sind bei der Ankündigung, dass einer von uns positiv auf das Coronavirus getestet wurde.

            Ich erinnere mich an die Szene, in der wir uns ohne Masken naiv im grossen Saal versammelten, um von den Verantwortlichen der Siedlung über etwas informiert zu werden.

            Dass es sich bei diesem Etwas um eine Coronavirus-Infektion handelte, liess nichts Gutes ahnen. Unter den verschiedenen Reaktionen, wurde ein Gedanke immer deutlicher: Es würden schwierige Zeiten kommen, die die Gemeinschaft der Siedlung wohl noch nie zuvor erlebt hatte. Und in unserem jungen Bewusstsein blieb nur die eine Erinnerung: der Besuch in den Gemeinschaften der Siedlung drei Tage zuvor, als sich alle Türen vor uns geöffnet hatten.

            Wir würden lügen, wenn wir sagten, wir hätten in dieser Nacht mit ruhigem Herzen geschlafen.

            Wir lebten weiterhin mit den vorgegebenen, internen Vorschriften und warteten auf die Testergebnisse von mehr als zehn Personen.

           Am Sonntagabend, als wir online gingen, sassen wir vor dem PC und bettelten um Nachrichten. 

            Wir hatten starre Gesichter, bereit für alles, was passieren könnte. Und es geschah: fünf Tests waren positiv, das Virus war da. Die Quarantäne begann! 

            Was das Leben von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt beeinflusst, die Vorbereitungen der Gesundheitsversorgung und die Geduld der Bürger, hat auch uns nicht verschont.

            Von diesem Moment an trafen wir uns unermüdlich jeden Tag im Cyberspace,, um die Momente zu teilen, in denen wir das Licht um uns herum nicht spürten. Aber wir waren auch glücklich, die vielen, vielen schönen Dinge zu beschreiben, die uns während der Quarantäne widerfahren sind.

            Weil unsere Liebe weder positiv noch negativ ist, erfordert sie keinen Abstand von eineinhalb Metern, und in ihrer Fülle sehen wir immer ohne Maske.

            Unsere neuen vierundzwanzig Stunden begannen mit diesen Treffen und endeten mit dem darauf folgenden. Wir tauchten in diese neue Zeit ein, und diese Situation lenkte unsere Aufmerksamkeit auf eine Chance, die wir bisher noch nicht erfahren hatten. So ist es doch rührend, wenn wir unabhängig von Alter oder Beruf über die Erfahrungen des anderen weinen oder lachen können, oder wenn wir alle miteinander, online verbunden, zusammen spielen können.

            Palmira (eine der ersten Gefährtinnen von Chiara Lubich, die bei uns lebt) begleitete uns in unserer Krise mit ihren ständigen Botschaften: "Meine Freude geht an alle im Leben des gegenwärtigen Augenblicks". Und wir fühlten uns zu tiefer Besinnung aufgerufen.

            Unsere Geschichte endet nicht hier, denn es gab immer noch ein plötzliches hohes Fieber, eine ätzende Halsentzündung, Niesen und Bauchschmerzen. Die neue Isolation erforderte noch mehr Energie und Mut als der direkte Kontakt. Wir konnten überhaupt nicht sicher sein, ob wir einer einfachen Herbsterkältung oder einem krummen Virus begegneten, der sich listig ausbreitete. Doch wir glaubten an Gott, der ihn nicht von seiner Liste gestrichen hatte.

            Nichts beweist dies besser als das, was passiert ist. Es gab keine weiteren positiven Fällen mehr, und unsere offizielle Quarantäne wurde nach zehn Tagen beendet. Es wurden neue Strategien und Lösungen für das Zusammenleben entwickelt, um nicht völlig blockiert zu sein und - mit Vorsicht - zur Normalität zurückzukehren.

            So haben wir unsere Quarantäne erlebt: "zusammenhalten" wie eine grosse Familie.

 

                                                                                                                      Petra Dénes