Eine Geschichte aus dem Leben - 5

12 Monate, 12 Kapitel, 12 Zeugen, die jeden Tag das Ideal verwirklichen, das Gott durch Chiara der ganzen Welt gegeben hat. Eine lebendige Geschichte, die sich in vielen Männern und Frauen heute noch fortsetzt.

 

5 - Mit einem kleinen Buch in der Tasche

            Wir befinden uns noch in der Zeit des Krieges. Wenn immer die Sirene des Fliegeralarms ertönt, können wir nur ein kleines Buch mit uns in den Luftschutzraum nehmen: das Evangelium. Wir öffnen es und die Worte, obwohl sie bereits so bekannt sind, leuchten auf dank dem neuen Charisma, als ob ein Licht darunter brennen würde. Sie setzen unsere Herzen in Brand, und wir werden angespornt, sie sofort in die Praxis umzusetzen. Sie alle ziehen uns an, und wir versuchen, ein Wort nach dem andern zu leben.

            So las ich zum Beispiel für alle: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.”[1] Der Nächste. Wo war der Nächste? Er war da, in unserer Nähe, in all den vom Krieg heimgesuchten Menschen, die verwundet, ohne Kleider, obdachlos, hungrig und durstig waren. Und sofort widmeten wir uns ihnen in verschiedenster Weise.

            Das Evangelium versichert: "Bittet, und es wird euch gegeben werden.”[2] Wir bitten um etwas für die Armen, und - was in Kriegszeiten aussergewöhnlich ist - wir erhalten jedes Mal so viele Geschenke Gottes! Eines Tages, und dies ist eines der ersten Erlebnisse, das oft erzählt wird, fragte mich ein armer Mann nach einem Paar Schuhe, Grösse 42. Da ich wusste, dass Jesus sich mit den Armen identifiziert hatte, richtete ich in der Kirche von Santa Chiara in der Nähe des gleichnamigen Krankenhauses dieses Gebet an den Herrn: "Gib mir ein Paar Schuhe, Grösse 42 für Dich in diesem armen Mann". Als ich dann aus der Kirche kam, übergab mir eine junge Frau ein Paket. Ich öffnete es: Drin war ein Paar Schuhe, Grösse 42.

            Wir lesen im Evangelium: "Gebt und es wird euch gegeben werden"[3]. Wir geben und geben, und jedes Mal erhalten wir eine Antwort. Wir haben nur einen Apfel im Haus. Wir geben ihn dem armen Mann, der darum bittet. Und im Verlaufe des Morgens erhalten wir, wohl von einem Verwandten, gleich ein Dutzend Äpfel. Wir geben diese an andere, die uns darum bitten, und am Abend erhalten wir einen Koffer voller Äpfel. So, immer so ging es.

            Es sind Erfahrungen, eine nach der anderen, die überraschen und verzaubern. Unsere Freude ist gross und ansteckend. Jesus hatte es versprochen und hält es auch jetzt noch. Er ist also nicht nur eine Erscheinung der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart. Und das Evangelium ist wahr. 

           Diese Wahrnehmung beflügelt unseren seit kurzem unternommenen Weg. Und wir vermitteln denen, die sich neugierig zeigen über unser Glücklichsein in solch traurigen Zeiten und Stunden, was hier passiert. Sie erfahren nicht so sehr, dass sie auf einige Mädchen oder eine aufkommende Bewegung stossen, sondern vielmehr auf den lebendigen Jesus. Das Wort Gottes zu leben ist der dritte Eckpfeiler unserer Spiritualität.

            Aber mehr als alle anderen Worte, hat unser Charisma diejenigen unterstrichen, die speziell die evangelische Liebe zu jedem Nächsten und nicht nur zu den Armen betrafen. So lasen wir im Evangelium, dass Jesus gesagt hatte: "Jedes Mal, wenn ihr diese Dinge einem dieser meiner geringsten Brüder [und das heisst, allen] getan habt, habt ihr es mir angetan.[4]” Da brach unsere alte Art und Weise, unseren Nächsten zu empfangen und zu lieben, zusammen. Wenn Christus irgendwie in jedem Menschen ist, darf man keine Unterschiede machen, niemanden bevorzugen. All die menschlichen Kategorien, die die Menschheit aufteilen, wurden gesprengt: Mitbürger oder Ausländer, alt oder jung, schön oder hässlich, unangenehm oder nett, reich oder arm, Christus stand hinter jedem, Christus war in jedem.  (Fortsetzung folgt)

 

Diese Geschichte wurde von Chiara Lubich zu verschiedenen Zeitpunkten selbst erzählt. Die Texte stammen aus dem ersten Kapitel des Buches “Un popolo nato dal Vangelo", E. Fondi - M. Zanzucchi, S. 6-7, Editrice San Paolo.  Historische Hinweise zu den verschiedenen Reden finden Sie auf S. 3.

 

 

[1] Mt. 19,19.

[2] Mt. 7,7; Lk 11,9

[3] Lk 6,38

[4] Mt. 25.40