Eine Geschichte aus dem Leben - 6

 

12 Monate, 12 Kapitel, 12 Zeugen, die jeden Tag das Ideal verwirklichen, das Gott durch Chiara der ganzen Welt gegeben hat. Eine lebendige Geschichte, die sich in vielen Männern und Frauen heute noch fortsetzt.

 

           6 - "Bereit, für Dich zu sterben

Der Krieg ging weiter. Die Bombenangriffe dauerten an. Die Zufluchtsorte waren nicht ausreichend geschützt und die Möglichkeit, bald vor Gott zu erscheinen, zeigte sich. All dies hat in unseren Herzen einen Wunsch geweckt: in diesen Momenten, die die letzten unseres Lebens sein könnten, den Willen Gottes zu verwirklichen, der seinem Herzen am nächsten war. So erinnerten wir uns an das Gebot, das Jesus Seines und Neues Gebot nennt: "Dies ist mein Gebot: dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe. Niemand hat eine grössere Liebe als diese: sein Leben für seine Freunde hinzugeben”.[1]

Jesus, so sagten wir, hat als Emigrant die Sitten und Gebräuche aus seiner Heimat zu uns gebracht. Indem er uns "Sein" Gebot gab, brachte er das Gesetz des Himmels auf die Erde, das heisst die Liebe wie sie in der Heiligen Dreifaltigkeit besteht. Wir sahen einander ins Gesicht und beschlossen: "Ich will bereit sein, für dich zu sterben". "Ich für dich." Alle für jede einzelne. Aber wenn wir bereit sein mussten, unser Leben füreinander zu geben, war es logisch, dass wir in der Zwischenzeit auf die tausend Bedürfnisse eingehen mussten, die die brüderliche Liebe verlangte: Wir mussten die Freuden, die Sorgen, das wenige Eigentum, unsere eigenen spirituellen Erfahrungen teilen. Wir haben uns bemüht, dies zu tun, damit vor allem die gegenseitige Liebe unter uns lebendig sei.

Eines Tages nahmen wir im ersten Fokolar unsere wenigen und armseligen Güter aus dem Schrank, stapelten sie in der Mitte des Raumes auf und gaben dann jeder einzelnen das, was sie brauchte, der Überfluss war dann für die Armen. Wir waren bereit, unsere Löhne und all die kleinen und grösseren Sachen, die wir besassen oder erhalten würden, zusammenzulegen. Bereit, auch die geistigen Güter zu teilen... Sogar der persönliche Wunsch nach Heiligkeit war bei dieser Entscheidung zurückgestellt worden: nur Gott, der jedes andere Ziel ausschloss, der aber sicher die Heiligkeit, die er für uns gedacht hatte, mit einbezog.

Wenn immer dann Schwierigkeiten auftraten wegen unserer Unzulänglichkeiten, beschlossen wir, uns nicht mit einem menschlichen Auge zu betrachten, das die Strohhalme des anderen entdeckt und dabei seinen eigenen Balken vergisst, sondern mit einem Auge, das alles vergibt und vergisst. Und so fühlten wir uns verpflichtet, einander zu vergeben, in der Nachahmung des barmherzigen Gottes, mit einer Art Gelübde der Barmherzigkeit: das heisst, jeden Morgen aufzustehen und uns als "neue" Menschen zu sehen, die solche Fehler nie gehabt hatten.

Dieses Gebot Jesu, besiegelt durch unsere gemeinsame Abmachung, wird dann zur geistigen Leitstruktur der ganzen Bewegung werden. (Fortsetzung folgt)

 

Diese Geschichte wurde von Chiara Lubich zu verschiedenen Zeitpunkten selbst erzählt. Die Texte stammen aus dem ersten Kapitel des Buches “Un popolo nato dal Vangelo", E. Fondi - M. Zanzucchi, S. 6-7, Editrice San Paolo.  Historische Hinweise zu den verschiedenen Reden finden Sie auf S. 3.

 




[1] Jh 15,12-13