Eine Geschichte aus dem Leben - 9

12 Monate, 12 Kapitel, 12 Zeugen, die jeden Tag das Ideal verwirklichen, das Gott durch Chiara der ganzen Welt gegeben hat. Eine lebendige Geschichte, die sich in vielen Männern und Frauen heute noch fortsetzt.

 

9 - Das Geheimnis

 

            Also: Glück, Entdeckungen, Dank, Eroberungen. Dies ist gewiss das Evangelium. Aber von Anfang an wurde uns klar, dass alles ein anderes Gesicht hat, dass der Baum seine Wurzeln hat. Das Evangelium erfüllt dich mit Liebe, aber es verlangt alles. "Wenn das Weizenkorn, das zu Boden gefallen ist, nicht stirbt - so lesen wir bei Johannes - bleibt es allein; wenn es stirbt, bringt es viel Frucht"[1]. Die Verkörperung davon ist der gekreuzigte Jesus, dessen Frucht die Erlösung der Menschheit war.

            Der gekreuzigte Jesus! In einer Begebenheit dieser ersten Monate des Jahres 1944 gewinnen wir ein neues Verständnis von ihm. Wir erfahren, dass der grösste Schmerz, den Jesus erlitt, und somit sein grösster Beweis der Liebe, war, als er am Kreuz die Verlassenheit vom Vater erlebte: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?”[2] Dies berührt uns zutiefst. Und unser junges Alter, die Begeisterung, aber vor allem die Gnade Gottes drängen uns, gerade Ihn in seiner Verlassenheit als Weg zur Verwirklichung unseres Ideals der Liebe zu wählen.

            Von diesem Moment an schien es uns, dass wir sein Gesicht überall entdeckten. Jesus hatte in sich selbst die Trennung der Menschen von Gott und von einander und auch den Vater fern von sich selbst erfahren. Er wurde von uns nicht nur in allen persönlichen Sorgen erkannt, an denen es nicht fehlte, sondern auch in denen unserer Nachbarn, die oft allein, verlassen, vergessen waren, zudem in allen Spaltungen, Verletzungen, in grosser oder kleiner gegenseitiger Gleichgültigkeit: in den Familien, zwischen den Generationen, zwischen Arm und Reich, manchmal in der Kirche selbst, später unter den verschiedenen Kirchen, noch später unter den Religionen und zwischen Gläubigen und Andersdenkenden.

            Aber all diese Verletzungen haben uns nicht abgeschreckt, im Gegenteil, wegen der Liebe zu Ihm, dem Verlassenen, haben sie uns angezogen. Und er war es, der uns gelehrt hat, ihnen zu begegnen, sie zu leben, zu helfen, sie zu überwinden, so wie er nach der Verlassenheit seinen Geist wieder in die Hände des Vaters legte: "Vater, in deinen Händen lege ich meinen Geist"[3], und so der Menschheit die Möglichkeit gab, sich in sich selbst und mit Gott neu zu formen indem er ihr den Weg zeigte.

            Er offenbarte sich uns daher als der Schlüssel zur Einheit, als das Heilmittel gegen alle Uneinigkeit. Er war es, der die Einheit unter uns wieder herstellte, wann immer sie zerbrochen wurde. Er war derjenige, in dem wir die grossen, tragischen Spaltungen der Menschheit und der Kirche erkannt und geliebt haben. Er ist unser einziger Lebensgefährte geworden. Und unser Zusammenleben mit einem solchen Gemahl war so reich und fruchtbar, dass es mich veranlasste, ein Buch zu schreiben, wie ein Liebesbrief, wie ein Lied, eine Hymne der Freude und Dankbarkeit an ihn.[4]

(Fortsetzung folgt)

 

Diese Geschichte wurde von Chiara Lubich zu verschiedenen Zeitpunkten selbst erzählt. Die Texte stammen aus dem ersten Kapitel des Buches “Un popolo nato dal Vangelo", E. Fondi - M. Zanzucchi, S. 9, Editrice San Paolo.  Historische Hinweise zu den verschiedenen Reden finden Sie auf S. 3.

 


[1] Joh 12,24.

[2] Mt 27,46.

[3] Lk 23,46.

[4] Chiara Lubich, Der Schrei der Gottverlassenheit, Neue Stadt 2001.