KOMPLEMENTARITÄT ZWISCHEN DEN GENERATIONEN: GESCHENK UND HERAUSFORDERUNG

 

Jede Generation ist gleich sich selbst. In ihrer DNA trägt sie die "Rosen und Dornen" ihrer historischen Zeit. Nur mit einem grossen Ideal im Leben können sich Generationen für die Vielfalt öffnen, harmonische Beziehungen aufbauen und in einer brüderlichen Umgebung zusammenarbeiten. Aber das erfordert die Überwindung jeder "Säure" der eigenen DNA, die verhindern will, dass man aus der eigenen kleinen Welt herausbricht. Diese Beziehungen sind reich an Geschenken, aber aufgepasst, denn die Herausforderungen können wie ein Bild mit starken Farben sein.

Dennoch ist es gut daran zu denken, was für ein immenses Geschenk jede Generation für die andere ist. Einerseits nehmen junge Menschen, die Verantwortung und den Ernst auf, den das soziale und gemeinschaftliche Leben erfordert, andererseits lernen die Erwachsenen Geduld zu üben. Diese Tugend ist wichtig für die Vaterschaft oder Mutterschaft eines erwachsenen Mannes oder einer erwachsenen Frau.

Für die Erwachsenen sind wir jungen Leute wie ein Puzzle. Um alle Teile wieder zusammenzusetzen, braucht man viel Geduld und Leidenschaft, sonst gibt man das Spiel auf. Erwachsene sind für uns wie die Heilige Schrift. Um sie richtig kennen zu lernen, muss man vor allem auch zuerst den Hintergrund und die Umstände kennen, in denen sie geschrieben wurde, sonst macht man eine Fehlinterpretation.

Meiner Meinung nach sollte jeder Wert, den ein Erwachsener den jungen Menschen vermittelt, auf der Pädagogik des Weizenkorns beruhen, das, “wenn es nicht stirbt, keine Früchte trägt" (vgl. Joh 12,23).

Ich gestehe, dass ich seit meiner Ankunft an der Schule für Fokolare immer von der Grosszügigkeit und Nähe zwischen den Generationen beeindruckt war.  In einer Welt, in der Jugendliche und Erwachsene tausend Lichtjahre voneinander entfernt leben, solche Beziehungen zu erleben und bezeugen zu können, verdient als Geschenk Gottes betrachtet zu werden. Es ist wahr, wir sind anders und in manchen Situationen denken und handeln wir anders, aber wir glauben und wollen dasselbe: Die vereinte Welt ist der Traum, den wir gemeinsam haben.

R.C., ein 23-jähriger Brasilianer, der ein Jahr an der Gen Schule verbrachte, arbeitete auch im Büro mit drei Personen, Experten für Leben und Arbeit. Das Vertrauen seines Vorgesetzten gab ihm Zuversicht. Er sagte mir: "Ich habe viel Vertrauen erfahren in den Sachen, die ich getan habe. Er vertraute mir viel Arbeit an und manchmal dachte ich, ich könne es nicht, aber stattdessen konnte ich eine neue Berufserfahrung machen. Einem jungen Menschen zu vertrauen, kann Angst und unschuldige, altersbedingte Schwächen in Energie verwandeln".

Aber die Erfahrung von R. geht über das Bekommen hinaus. Es bedeutete auch, einige "Rosen" seiner DNA zu geben. Er fühlte sich von seiner Bürokollegin aufgenommen und angehört: "Eines Tages sah ich, dass sie die Papiere, die ich in den Papierkorb geworfen hatte, herausnahm um allen Müll zu trennen. Das hat mich sehr beeindruckt. Später habe ich auch gemerkt, dass sie Schwierigkeiten mit ihrem Handy und Computer hatte. So bot ich ihr an, ihr auch nach der Arbeit zu helfen und die neuen Technologien zu erklären".

Damit R. das Vertrauen bekam, musste A., ein 61-jähriger Niederländer, der mit vielen jungen Menschen aus verschiedenen Kontinenten, Kulturen und geistigen Strukturen arbeitete, ihm das Vertrauen und den Raum geben, nachdem er selbst seine eigenen mentalen Kategorien und seine eigene Art zu sein, überwunden hatte. Tatsächlich ist A. ein Mensch mit einer schüchternen Natur und einem ernsthaften Ausdruck: Wenn man ihn aus der Ferne sieht, kann er einem einschüchtern, und es ist nicht spontan, sich ihm zu nähern. Doch viele junge Leute, die mit ihm gearbeitet haben, bezeugen, in diesem schüchternen und ernsten Mann ist ein grosses Herz versteckt, das konkret liebt. 

In einem freundschaftlichen Gespräch erzählt A. von seinen Herausforderungen: "Meine persönlichen Charakterzüge könnten junge Menschen befremden, aber wenn ich mich vorstellte, konnte sich alles ändern. Schüchtern ja, aber wenn immer ich eine Beziehung zu ihnen aufbauen will, muss ich meine Schüchternheit überwinden*. A. spürte auch den Schmerz des Scheiterns, aber am Ende fand er die Freude wieder. "Mit einem jungen Mann fühlte ich mich, als hätte ich versagt. Jede Verpflichtung oder Ermutigung schien nicht anzukommen. Vor seiner Abreise, erzählte dieser junge Mann allen, dass er sich manchmal wie ein Küken fühlte, aber dass jedes Mal, wenn er sich entfernte und verlor, es jemanden gab, der ihn zurückholte, ohne zu urteilen. Da habe ich klar verstanden, dass auch er sich als einzigartiger und einmaliger Mensch willkommen fühlte, und in mir verschwand der Schmerz".

Erfahrungen wie diese von A. und von vielen Männern und Frauen hier in Montet, mit den jungen Studenten, machen die Wechselseitigkeit zwischen den Generationen spürbar, und wie sie gemeinsam den modernen Herausforderungen begegnen können.

Meinen aufrichtigen Applaus. 

                                                                                                                       Miguel Tchicosseno - Angola