Foto: Rebeca Leon

Post pandemie?

Pandemie, Abriegelung, Krankenhausaufenthalte, Todesfälle, Quarantäne, Abstriche, Distanzierung, Impfung.... sind einige der Begriffe, die jeden Tag in den Nachrichten auftauchen. Die Welt geht durch einen Tunnel, was erwartet uns darnach? Hoffnung, dass alles wieder "wie früher" wird?  Aber dieses Jahr und die Monate, die noch vor uns liegen, könnten auf etwas Neues hinweisen.

Die Menschheit vor dem Covid 19 wird von Papst Franziskus in der Enzyklika “Alle Brüder" meisterhaft beschrieben.  Hier sind einige kurze Auszüge.

 “...  Verbohrte, übertriebene, wütende und aggressive Nationalismen leben wieder auf (§ 11)

"Wir sind einsamer denn je in dieser durch Vermassung gekennzeichneten Welt, welche die Einzelinteressen bevorzugt und die gemeinschaftliche Dimension der Existenz schwächt… (§ 12)

"... Es wird ein Verlust des Geschichtsbewusstseins gefördert, das eine weitere Auflösung hervorruft…” (§ 13)

"... Aufrecht bleibt nur das Bedürfnis, grenzenlos zu konsumieren, und das Hervorkehren vieler Formen eines inhaltslosen Individualismus… (§ 13)

"Es vergrößern sich die Abstände zwischen uns, und der harte und schleppende Weg zu einer geeinten und gerechteren Welt erleidet einen neuen und drastischen Rückschlag… (§ 16)

"Teile der Menschheit scheinen geopfert werden zu können zugunsten einer bevorzugten Bevölkerungsgruppe, die für würdig gehalten wird, ein Leben ohne Einschränkungen zu führen… (§ 18)

"So werden heute nicht nur Nahrung und überflüssige Güter zu Abfall, sondern oft werden sogar die Menschen „weggeworfen“… (§ 19)

"Der Reichtum wächst, aber auf ungleiche Weise, und so »entstehen neue Formen der Armut«.”(§ 21)

"... auch heute noch werden Millionen Menschen – Kinder, Männer und Frauen jeden Alters – ihrer Freiheit beraubt und gezwungen, unter Bedingungen zu leben, die denen der Sklaverei vergleichbar sind… (§ 24)

"Kriege, Attentate, Verfolgungen aus rassistischen oder religiösen Motiven und so viele Gewalttaten gegen die Menschenwürde…" (§ 25)

Von Neuem erscheint Versuchung, eine Kultur der Mauern zu errichten, Mauern hochzuziehen, Mauern im Herzen, Mauern auf der Erde, um diese Begegnung mit anderen Kulturen, mit anderen Menschen zu verhindern. Und wer eine Mauer errichtet, wer eine Mauer baut, wird am Ende zum Sklaven innerhalb der Mauern, die er errichtet hat, ohne Horizonte. Weil ihm dieses Anderssein fehlt. (§ 27)

Ist das die Welt, in die wir zurückkehren wollen? Oder verbirgt sich hinter dieser Pandemie, die uns alle zwingt, dieselbe Realität zu leben, eine Botschaft und ein Vorschlag für eine Neuheit?

Papst Franziskus sieht da eine Chance: "Über die unterschiedlichen Antworten hinaus, die die verschiedenen Länder gegeben haben, kam klar die Unfähigkeit hinsichtlich eines gemeinsamen Handelns zum Vorschein. Trotz aller Vernetzung ist eine Zersplitterung eingetreten, die es erheblich erschwert hat, die Probleme, die alle betreffen, zu lösen. Wenn einer meint, dass es nur um ein besseres Funktionieren dessen geht, was wir schon gemacht haben, oder dass die einzige Botschaft darin besteht, die bereits vorhandenen Systeme und Regeln zu verbessern, dann ist er auf dem Holzweg.(§ 7)

"Ich habe den großen Wunsch, dass wir in dieser Zeit, die uns zum Leben gegeben ist, die Würde jedes Menschen anerkennen und bei allen ein weltweites Streben nach Geschwisterlichkeit zum Leben erwecken. Bei allen: »Dies ist ein schönes Geheimnis, das es ermöglicht, zu träumen und das Leben zu einem schönen Abenteuer zu machen. Niemand kann auf sich allein gestellt das Leben meistern […]. Es braucht eine Gemeinschaft, die uns unterstützt, die uns hilft und in der wir uns gegenseitig helfen, nach vorne zu schauen. Wie wichtig ist es, gemeinsam zu träumen! […] Allein steht man in der Gefahr der Illusion, die einen etwas sehen lässt, das gar nicht da ist; zusammen jedoch entwickelt man Träume«.[6] Träumen wir als eine einzige Menschheit, als Weggefährten von gleichem menschlichen Fleisch, als Kinder der gleichen Erde, die uns alle beherbergt, jeden mit dem Reichtum seines Glaubens oder seiner Überzeugungen, jeden mit seiner eigenen Stimme, alle Brüder und Schwestern!" (§ 8)

Und so schlägt er vor: "Sorge tragen für die Welt, die uns umgibt und uns erhält, bedeutet Sorge tragen für uns selbst. Wir müssen uns aber zusammenschliessen in einem „Wir“, welches das gemeinsame Haus bewohnt." (§ 17)

Neu anfangen, ich, Sie, sich um die Menschen um uns herum kümmern, ohne die ganze Menschheit zu vernachlässigen, für die ich sogar von meinem Wohnsitz aus leben, arbeiten, helfen, beten kann.

Aus folgendem Text von Chiara Lubich vom Dezember 1999 strahlt eine prophetische Vision und ihr Traum von einer geeinten Welt heraus.

"Ich träume davon, dass das heute spürbare Aufkommen im Bewusstsein von Millionen von Menschen einer gelebten Brüderlichkeit, die sich auf der Erde immer weiter ausbreitet, morgen, in den Jahren 2000, zu einer allgemeinen, weltweiten Erscheinung wird.

Ich träume somit von einem Rückgang von Kriegen, Kämpfen, Hunger und den tausend Übeln der Welt.

Ich träume von einem immer intensiveren Dialog der Liebe unter den Kirchen, damit die Gestaltung  der einen Kirche greifbar wird.

Ich träume von der Vertiefung eines lebendigen und aktiven Dialogs unter den Menschen verschiedenster Religionen. Sie sind durch die Liebe miteinander verbunden, die "goldene Regel", die in all ihren heiligen Büchern steht.

Ich träume von einer gegenseitigen Annäherung und Bereicherung der verschiedenen Kulturen der Welt, damit aus ihnen eine Weltkultur entsteht, die jene Werte in den Vordergrund rückt, die seit jeher der wahre Reichtum der einzelnen Völker sind, und dass sich diese als globale Weisheit durchsetzen.

Ich träume davon, dass der Heilige Geist weiterhin die Kirchen überflutet und die "Samen des Wortes" über sie hinaus stärkt, damit die Welt von der ständigen Neuheit des Lichts, des Lebens und der Werke überflutet wird, die nur Er erwecken kann. Damit sich immer mehr Männer und Frauen auf den geraden Weg machen, sich ihrem Schöpfer nähern und Herz und Seele zu seinem Dienst zur Verfügung stellen.

Ich träume von evangelischen Beziehungen nicht nur unter Einzelnen, sondern zwischen Gruppen, Bewegungen, religiösen und weltlichen Vereinigungen; zwischen Völkern, zwischen Staaten, so dass es logisch ist, das Vaterland der anderen wie das eigene zu lieben. Dass es logisch ist, eine weltweite Gütergemeinschaft anzustreben: zumindest als Endziel.

Ich träume von einer Welt, die in der Vielfalt der Völker vereint ist... Ich träume also von einem Vorgeschmack auf neue Himmel und neue Erden, soweit das hier auf Erden möglich ist. Ich habe viele Träume, aber wir haben ein Jahrtausend Zeit, sie zu erfüllen". [1]

Das ist der "Traum", der aus dem Charisma von Chiara Lubich hervorströmt, der allen vorgeschlagen wird, damit wir gemeinsam für die universelle Brüderlichkeit leben und uns um diese unsere Welt kümmern können, bevor es zu spät ist.




[1]  Entnommen aus Chiara Lubich, “Aktualität: die Zeichen der Zeit lesen” (herausgegeben von Michele Zanzucchi), Città Nuova Editrice, Roma 2013) (italienisch)